Die erste Éducation Sentimentale


    Es gab Tage, an denen sie in ihrem Glück leicht beeinträchtigt und trauriger waren als gewöhnlich und weniger redeten, sich dafür aber noch mehr liebten; dann stiegen sie in eine Droschke, setzten sich einander gegenüber und überliessen sich, die Hände ineinander gelegt, still dem Hin- und Her-Schaukeln des alten bemalten Gefährts, das sie auf den Boulevards überallhin fuhr. Henry dachte an die glücklichen Paare, die gemeinsam im Fond einer Kutsche liegend auf irgendeiner grossen Landstrasse in der Schweiz oder in Italien reisten; es ist gegen abend nach einem langen Sommertag, wenn man die blauen Seiden- vorhänge beiseite zieht, um die wellenförmigen Berge und all die Launen der Landschaft zu betrachten; dann lächelte Mme Émilie unwillkürlich und nannte ihn ein Kind.

    Einmal, und es kam nur ein einziges Mal vor, verliess Henry unter dem Vor- wand, Familienangelegenheiten regeln zu wollen, am Morgen mit der Ankündi- gung, erst sehr spät abends zurück zu sein, das Haus, und Mme Émilie tat desgleichen, vorgebend, sie habe viele Einkäufe zu machen und werde an- schliessend bei Mlle Aglaé essen und erst nach dem Ende der Theaterauffüh- rungen nach Hause zurückkehren. Hundert Schritte von dem grossen Eingang des Renaud'schen Hauses entfernt trafen sie sich und fuhren gemeinsam nach Saint-Germain, um dort den Tag zu verbringen. Als sie spürten, wie die Reihe der Wagons auf den Schienen rollten, wurden sie von einer grossen Hoffnung erfüllt, es kam ihnen so vor, als würden sie für immer fortgehen und die Vergangenheit hinter sich lassen, um ein neues Leben zu beginnen, in dem die Zukunft nur von ihnen selbst abhinge und ganz im Zeichen ihrer Liebe stünde. Beim Durchqueren der Tunnel drückten sie sich heftig die Hand, als man aber wieder im Tageslicht zurück war, nahmen sie wegen der anderen Leute augenblicklich wieder ein schickliches Verhalten an.
    Für zwölf Stunden, von elf Uhr morgens bis elf Uhr abends lebten sie zusammen, in ihrem Egoismus eingeschlossen, als wären sie die einzigen beiden Wesen der gesamten Schöpfung; sie assen allein, sassen allein im Gras, liefen allein durch die Felder und kehrten nachts glücklicher als Könige zurück. Erinnerungen wie diese, wenn man solche hat, erwärmen die Knochen der Siebzigjährigen und lassen sie ihrem Leben nachtrauern.

    Zuerst hatten sie sich eine Strähne ihrer Haaren gegeben und sich ver- sprochen, sie immer bei sich zu tragen, dann hatten sie Ringe ausgetauscht, und schliesslich liessen sie Miniaturporträts von sich anfertigen und schlossen sie in einer gut abgedichteten Kapsel ein, die sie hundertmal am Tag öffneten. Henry liess sich im Hausrock mit freiem Hals malen, den Blick zum Horizont gerichtet und mit den Haaren im Wind; Mme Émilie war von vorn mit einem Lächeln abgebildet, in dem gelben Kleid, das sie so schön machte, vor allem abends, und das Henry so sehr liebte.