Wie man handeln soll, hängt sehr davon ab, was man glauben soll, und bei allem, was nicht unsere
natürlichen Grundbedürfnisse betrifft, geben unsere Überzeugungen die Regeln unseres Handelns vor. Mit
diesem Prinzip, das zu jeder Zeit das meine war, war ich häufig und lange Zeit auf der Suche, um das Trachten
meines Lebens darauf auszurichten, seinen wahren Sinn zu erkennen, und ich habe mich bald darüber getröstet,
so wenig Eignung zu besitzen, um in dieser Welt gut zurechtzukommen, wobei ich spürte, dass es nichts brachte,
nach diesem Sinn zu suchen.
Da ich in eine Familie hineingeboren wurde, in der Sittsamkeit und Frömmig- keit herrschten, und dann bei
einem Geistlichen voller Weisheit und Religion mit Sanftheit aufgezogen wurde, hatte ich seit meiner zartesten Kindheit
Grundsätze, Maximen, andere würden sagen Vorurteile übernommen, von denen ich nie vollständig frei
gewesen bin. Bereits als Kind wurde ich mir selbst überlassen, wurde durch Zärtlichkeiten umgarnt, durch
Eitelkeit verführt, durch die Hoffnung geködert, und so trat ich unter dem Zwang der Notwendigkeit zum
Katholizismus über [Anm.: 1718 in Turin, wohin er von Mme de Warens, seiner Mentorin, geschickt geworden war],
doch ich war weiterhin Christ und bald nahm mein Herz nach einer Eingewöhnung aufrichtig meine neue Religion an. Die
Unter- weisungen und die guten Beispiele der Mme de Warens bestärkten mich in dieser Hinwendung. Die ländliche
Einsamkeit, in der ich die Blüte meiner Jugend verbrachte, das Studium guter Bücher, dem ich mich voller Hingabe
widmete, verstärkten ihr gegenüber meinen natürlichen Hang zu Gefühlen der Zuneigung und liessen mich
fast devot nach der Art Fénelons werden. Die Meditation in der Abgeschiedenheit, das Studium der Natur und das
Nachdenken über das Universum zwingen einen Einsamen, unablässig die Frage nach dem Schöpfer aller Dinge zu
stellen und mit einer leisen Unruhe nach dem Zweck all dessen zu fragen, was er sieht, und nach dem Grund dessen, was er
fühlt. Nachdem mein Schicksal mich in den reissenen Strom der Welt gestossen hat, gibt es nichts mehr, das auch nur
einen Augenblick lang mein Herz erwärmen könnte. Das Vermissen meiner angenehmen Mussezeit verfolgte mich
überall hin und warf einen Schatten von Gleichgültigeit und Abneigung gegen alles, das mir erreichbar schien
und geeignet, mir Reichtum und Ehren einzubringen. In meiner Unsicherheit, was meine unruhigen Wünsche betraf,
erhoffte ich wenig und erreichte noch weniger, und sogar bei einem Anschein von Glück spürte ich, dass ich,
selbst wenn ich alles, was ich erstrebte, erreicht hätte, keineswegs das Glück gefunden hätte, nach dem
mein Herz dürstete, ohne sich über das Objekt seiner Wünsche klar zu sein. So trug alles dazu bei, meine
Zuwendung zu dieser Welt auch schon vor den Misshelligkeiten zu lösen, die sie mir gänzlich fremd werden
liess. So erreichte ich das Alter von vierzig, hin- und hergeworfen zwischen Mittellosigkeit und Geld, zwischen Anstand
und Ausschweifung, mit den gewohn- heitsmässigen Lastern, aber ohne Schlechtigkeit im Herzen; ich überliess
mich dem Zufall, ohne klare, von der Vernunft bestimmte Prinzipien, und abgestossen von meinen Pflichten, ohne sie zu
verachten, doch häufig auch ohne sie richtig zu kennen.