Jean-Jacques Rousseau:  Les Rêveries du Promeneur Solitaire


    Wie man handeln soll, hängt sehr davon ab, was man glauben soll, und bei allem, was nicht unsere natürlichen Grundbedürfnisse betrifft, geben unsere Überzeugungen die Regeln unseres Handelns vor. Mit diesem Prinzip, das zu jeder Zeit das meine war, war ich häufig und lange Zeit auf der Suche, um das Trachten meines Lebens darauf auszurichten, seinen wahren Sinn zu erkennen, und ich habe mich bald darüber getröstet, so wenig Eignung zu besitzen, um in dieser Welt gut zurechtzukommen, wobei ich spürte, dass es nichts brachte, nach diesem Sinn zu suchen.
    Da ich in eine Familie hineingeboren wurde, in der Sittsamkeit und Frömmig- keit herrschten, und dann bei einem Geistlichen voller Weisheit und Religion mit Sanftheit aufgezogen wurde, hatte ich seit meiner zartesten Kindheit Grundsätze, Maximen, andere würden sagen Vorurteile übernommen, von denen ich nie vollständig frei gewesen bin. Bereits als Kind wurde ich mir selbst überlassen, wurde durch Zärtlichkeiten umgarnt, durch Eitelkeit verführt, durch die Hoffnung geködert, und so trat ich unter dem Zwang der Notwendigkeit zum Katholizismus über [Anm.: 1718 in Turin, wohin er von Mme de Warens, seiner Mentorin, geschickt geworden war], doch ich war weiterhin Christ und bald nahm mein Herz nach einer Eingewöhnung aufrichtig meine neue Religion an. Die Unter- weisungen und die guten Beispiele der Mme de Warens bestärkten mich in dieser Hinwendung. Die ländliche Einsamkeit, in der ich die Blüte meiner Jugend verbrachte, das Studium guter Bücher, dem ich mich voller Hingabe widmete, verstärkten ihr gegenüber meinen natürlichen Hang zu Gefühlen der Zuneigung und liessen mich fast devot nach der Art Fénelons werden. Die Meditation in der Abgeschiedenheit, das Studium der Natur und das Nachdenken über das Universum zwingen einen Einsamen, unablässig die Frage nach dem Schöpfer aller Dinge zu stellen und mit einer leisen Unruhe nach dem Zweck all dessen zu fragen, was er sieht, und nach dem Grund dessen, was er fühlt. Nachdem mein Schicksal mich in den reissenen Strom der Welt gestossen hat, gibt es nichts mehr, das auch nur einen Augenblick lang mein Herz erwärmen könnte. Das Vermissen meiner angenehmen Mussezeit verfolgte mich überall hin und warf einen Schatten von Gleichgültigeit und Abneigung gegen alles, das mir erreichbar schien und geeignet, mir Reichtum und Ehren einzubringen. In meiner Unsicherheit, was meine unruhigen Wünsche betraf, erhoffte ich wenig und erreichte noch weniger, und sogar bei einem Anschein von Glück spürte ich, dass ich, selbst wenn ich alles, was ich erstrebte, erreicht hätte, keineswegs das Glück gefunden hätte, nach dem mein Herz dürstete, ohne sich über das Objekt seiner Wünsche klar zu sein. So trug alles dazu bei, meine Zuwendung zu dieser Welt auch schon vor den Misshelligkeiten zu lösen, die sie mir gänzlich fremd werden liess. So erreichte ich das Alter von vierzig, hin- und hergeworfen zwischen Mittellosigkeit und Geld, zwischen Anstand und Ausschweifung, mit den gewohn- heitsmässigen Lastern, aber ohne Schlechtigkeit im Herzen; ich überliess mich dem Zufall, ohne klare, von der Vernunft bestimmte Prinzipien, und abgestossen von meinen Pflichten, ohne sie zu verachten, doch häufig auch ohne sie richtig zu kennen.