Jean-Jacques Rousseau:  Les Rêveries du Promeneur Solitaire


    Ich verweigere mich damit jeglichen neuen Ideen und heillosen Irrtümern, die nur einen falschen Anschein erwecken und zu nicht anderem gut sind, als meine Ruhe zu stören.
    Da ich auf diese Weise auf den engen Raum meiner früheren Erkenntnisse beschränkt bin, habe ich nicht wie Solon das Glück, im Alter jeden Tag hinzu- zulernen, und ich muss mich sogar vor dem gefährlichen Stolz hüten, mir etwas aneignen zu wollen, das zu begreifen ich früher nicht in der Lage war. Doch wenn mir auch, was nützliche Erkenntnisse betrifft, an Erwerbungen wenig zu erhoffen bleibt, so bleiben mir doch noch sehr bedeutsame zu machen, was die für meine Lage notwendigen Eigenschaften [vertus] betrifft. Dann wäre es Zeit, meine Seele mit einer Erwerbung zu bereichern und zu schmücken, die sie mit sich forttragen könnte, wenn sie, befreit von dem Körper, der sie verdunkelt und blind macht, die unverhüllte Wahrheit sieht und das Elend all des Wissens erkennt, das unsere falschen Gelehrten so eitel verkünden. Sie wird sich seufzend an die verlorene Zeit in diesem Leben erinnern, als sie es sich aneignen wollte. Doch Geduld, Milde, Resignation, Integrität, Gerechtigkeit und Unparteilichkeit sind Güter, die man sich aneignen und mit denen man sich unablässig bereichern kann, ohne fürchten zu müssen, dass der Tod selbst uns ihren Gewinn nimmt. Diesem einzigartigen und nützlichen Studium widme ich den Rest meines Alters. Ich werde glücklich sein, wenn ich durch die Fortschritte, die ich an mir selbst mache, es lerne, aus dem Leben zu gehen, zwar nicht besser, denn das ist unmöglich, doch rechtschaffener [vertueux], als ich in es eingetreten bin.