Ich gestehe, dass ich nicht immer all diese Schwierigkeiten, denen ich begegnete und mit denen unsere Philosophen
häufig meine Ohren verstopft hatten, zu meiner Zufriedenheit ausräumen konnte. Aber entschlossen, am Ende in
Bezug auf Materien Entscheidungen zu treffen, in die die menschliche Intelli- genz noch wenig eingedrungen ist, und nachdem
ich überall auf undurch- dringliche Mysterien und unüberwindliche Widerstände stiess, hörte ich in jeder
Frage auf das Gefühl, das mir am ehesten unmittelbar und direkt und in sich glaubhaft erschien, ohne mich bei den
Widersprüchen aufzuhalten, die ich nicht auflösen konnte, die jedoch mit neuen, nicht weniger gewichtigen
Widersprüchen im entgegengesetzten System antworteten. Der dogmatische Ton bei diesen Materien ist nur ein Merkmal
von Scharlatanen; doch man muss ein Gefühl an sich haben, um es mit aller Reife des Urteils zu wählen und
einzusetzen. Wenn wir trotz alledem in einen Irrtum verfallen, dann werden wir damit nicht belastet werden, weil wir
dafür keine Schuld haben. Dies ist das unumstössliche Prinzip, das als Grundlage für meine Sicherheit
dient.
Das Resultat meiner eingehenden Untersuchungen war ungefähr solcherart, wie ich es in der
Profession du Vicaire savoyard dargelegt habe, einem Werk, das in der heutigen Generation unwürdig geschmäht
und profaniert wird, das aber eines Tages unter den Menschen ein Umdenken erzeugen kann, wenn jemals wieder
gesunder Menschenverstand und Aufrichtigkeit einkehren sollte.
Seitdem bin ich beruhigt bei den Grundsätzen geblieben, die ich nach so langem und tiefem Nachdenken gefasst
hatte, und habe nach ihnen die unum- stössliche Regel meines Verhaltens sowie meines Glaubens gestaltet, ohne mich
noch wegen der Widersprüche zu beunruhigen, die ich nicht auflösen konnte, noch wegen solchen, die ich nicht
habe vorhersehen können und die weiterhin von Zeit zu Zeit meinen Geist beschäftigten. Sie haben mich manchmal
beun- ruhigt, doch sie haben mich nie erdrückt. Ich habe mir immer gesagt: All das sind Spitzfindigkeiten und
metaphysische Feinheiten, die gegenüber den fundamen- talen Prinzipien, die meine Vernunft übernommen und mein
Herz bestätigt hat und die alle den Stempel meiner inneren Zusrimmung tragen, keinerlei Gewicht haben. Kann in Dingen,
die so hoch über dem menschlichen Verständnis stehen, ein Widerspruch, den ich nicht auflösen kann, ein
so solides, so gut verbundenes und durch solches Nachdenken und solche Sorgfalt gefestigtes Prinzipen- gebäude umstossen,
das so gut an meine Vernunft und an mein Herz, an mein ganzes Wesen angepasst und von meiner inneren Zustimmung untermauert
ist, die ich bei allen anderen vermisse? Nein, solche nutzlosen Argumentationen werden niemals die Übereinstimmung
zerstören, die ich zwischen meiner un- sterblichen Natur und dem Zustand dieser Welt sowie der natürlichen Ordnung,
die sie regiert, wahrnehme. Ich entdecke in der damit korrespondierenden moralischen Ordnung, deren Systematik das
Resultat meiner Überlegungen ist, die Unterstützung, die ich benötige, um die Misere meines Lebens zu
ertragen.