Jean-Jacques Rousseau:  Les Rêveries du Promeneur Solitaire


    Es ist wahr, dass es inmitten der zahllosen Bedrängnisse und der masslosen Entwürdigungen, denen ich von allen Seiten ausgesetzt war, Zeiten der Beun- ruhigung und der Zweifel gab, die hin und wieder meine Hoffnung abwürgten und meine Ruhe störten. Die machtvollen Widersprüche, die ich nicht hatte auflösen können, drangen mit umso grösserer Macht in mein Bewusstsein, um mich gerade in solchen Augenblicken niederzuschmettern, in denen ich unter der Last des Gewichtes meines Schicksals nahe daran war, in Mutlosigkeit zu verfallen. Häufig kamen mir neue Argumente, die vorgebracht wurden, wieder in den Sinn und unterstützten die, welche mich schon früher gequält hatten. Ah! sagte ich mir dann, wenn ein Zerren des Herzens mich zu ersticken drohte, wer nimmt mir meine Hoffnungslosigkeit, wenn ich im Schrecken meines Schicksals nur noch Trugbilder in den Tröstungen sehe, die meine Vernunft mir bereitstellte? wenn sie, indem sie ihr eigenes Werk zerstört, jede Stütze der Hoffnung und des Vertrauens, die sie mir geliefert hatte, in das Gegenteil verkehrt? Welche Stütze, wenn sie sich für mich als einzigen auf der Welt als leere Hoffnung herausstellt? Die gesamte heutige Generation sieht in den Empfindungen, von denen ich zehre, nichts als Irrtümer und Vorurteile; sie findet die Wahrheit, die Überzeugung in einem dem meinen entgegengesetzten System; sie scheint sogar nicht glauben zu können, dass ich es aus Überzeugung angenommen habe, ich selbst jedoch, der ich mich ihm mit meinem ganzen Willen verschrieben habe, finde darin unüberwindliche Schwierigkeiten, die zu lösen mir unmöglich ist und die mich dennoch nicht davon abhalten, an ihm festzuhalten. Bin ich denn der einzige Weise, der einzige Erleuchtete unter den Sterblichen? Zu glauben, dass die Dinge so sind, ist es ausreichend, dass sie nach meinem Geschmack sind? Kann ich ein klares Vertrauen in Vorstellungen haben, die für alle anderen Menschen keine feste Grundlage haben und selbst mir illusorrisch erscheinen würden, wenn mein Herz nicht meine Vernunft darin bestärken würde? Wäre es nicht sinnvoller, meine Verfolger mit den gleichen Waffen zu bekämpfen, indem ich ihre Maximen übernehme, anstatt bei den Chimären der meinen, die ihnen als Zielscheibe dienen, zu bleiben, ohne dass ich etwas unternehme, um sie zurück- zuweisen? Ich halte mich für klug und bin nur der Dumme, ein Opfer und Märtyrer eines törichten Irrtums.
    Wieviele Male war ich in diesen Augenblicken des Zweifels und der Unsicher- heit nahe daran, in Hoffnungslosigkeit zu verfallen! Hätte ich jemals einen ganzen Monat in diesem Zustand verbracht, dann wäre es um mich geschehen gewesen. Doch diese Krisen, die früher recht häufig auftraten, waren immer kurz, und heute, da ich noch nicht vollständig von ihnen befreit bin, sind sie so selten und von so kurzer Dauer, dass sie nicht einmal mehr die Kraft haben, meine Ruhe zu stören. Es sind Momente leichter Beunruhigung, die meine Seele nicht stärker aus der Bahn werfen können, als eine Feder, die in einen Bach fällt, den Lauf des Wassers nicht ändern kann.