Jean-Jacques Rousseau:  Les Confessions


    Ich habe mir hundertmal vorgenommen, nach Paris zu schreiben, um nach den fehlenden Worten des Textes forschen zu lassen, oder ob irgend jemand sie noch kennt. Aber ich bin fast sicher, dass der Genuss, den mir die Erinnerung an diese Melodie bereitet, zum Teil verlorengehen würde, wenn mir bestätigt würde, dass ausser meiner lieben Tante Suson noch andere dieses Lied gesungen haben.
    Solcherart waren meine ersten Gefühlsbindungen bei meinem Eintritt in das Leben: auf diese Weise begann sich in mir dieses Herz zu bilden beziehungs- weise zu zeigen, das so stolz und gleichzeitig sanft war, dieser weiche [Orig.: efféminé], dabei jedoch unzähmbare Charakter, der mich mit seinem beständigen Schwanken zwischen Ängstlichkeit und Mut, Zurückweichen und Tapferkeit bis zum Schluss in einen Gegensatz zu mir selbst brachte, was zur Folge hatte, dass die Entsagung und der Genuss, das Vergnügen und die Zurückhaltung mir gleichermassen verwehrt waren.
    Dieser Verlauf der Erziehung wurde durch einen Zwischenfall unterbrochen, dessen Folgen Auswirkung auf mein restliches Leben hatte. Mein Vater hatte eine Auseinandersetzung mit einem M.Gautier, der Kapitän in Frankreich war und Verwandte im Rat hatte. Dieser Gautier, ein unerträglicher, feiger Mensch, steckte dabei eine blutige Nase ein und beschuldigte aus Rache meinen Vater, er habe in der Stadt seinen Degen getragen. Als man meinen Vater ins Gefängnis stecken wollte, zog er es vor, Genf zu verlassen, und er lebte lieber für den Rest seines Lebens im Exil, als sich einem Spruch zu unterwerfen, durch den seine Ehre und seine Freiheit auf dem Spiel standen.
    Ich blieb in der Obhut meines Onkels Bernard, der zu der Zeit bei den Genfer Befestigungsanlagen angestellt war. Seine ältere Tochter war gestorben, aber er hatte noch einen Sohn im gleichen Alter wie ich. Wir wurden beide nach Bossey beim Minister Lambercier in Pension gegeben, um ausser dem Latein all den Haufen Kram zu lernen, den man unter dem Namen Erziehung mitliefert.
    Die zwei Jahre, die ich in dem Dorf verbrachte, weichten ein wenig meine Römische Schroffheit auf und versetzten mich wieder in einen kindlichen Zustand zurück. In Genf, wo man mir keinerlei Pflichte auferlegte, liebte ich das Üben und Lesen; darin bestand fast mein einziges Vergnügen; in Bossey brachte mich die Arbeit dazu, die Spiele zu lieben, die zum Abschalten dienten. Das Landleben war für mich so neu, dass ich es unendlich genoss. Ich entwickelte für es eine ausserordentliche Vorliebe, die niemals erlosch. Die Erinnerung an die glück- lichen Tage, die ich dort verbrachte, hat mich Zeit meines Lebens bis heute diesem Aufenthalt mit seinen Freuden nachtrauern lassen. M.Lambercier war ein sehr bedächtiger Mann, der uns, ohne unsere Unterweisung zu vernachlässigen, nie übermässige Pflichten auferlegte. Der Beweis ist, dass ich mich, trotz meiner Abneigung gegen die ganze Sache, nie mit Abscheu an die Stunden des Lernens erinnert habe, und dass ich, wenn ich auch nicht viel von ihm gelernt habe, es doch mühelos gelernt und niemals vergessen habe.