Jean-Jacques Rousseau:  Les Confessions


    Ich werde mich immer daran erinnern, wie mich im Tempel bei der Abfrage des Katechismus nichts mehr verunsicherte, als im Gesicht der Mlle Lambercier Anzeichen von Unruhe oder von Gequältsein zu entdecken, wenn ich bei der Antwort stockte. Es schmerzte mich mehr als die Scham, vor aller Augen zu versagen, die mich allerdings ausserordentlich heftig befiel; denn wenn ich auch gegen Lob wenig empfindlich war, so war ich es doch in starkem Masse bei Beschämungen, und ich muss sagen, dass die Tadel der Mlle Lambercier mich weniger ängstigten als die Furcht, ihr Kummer zu bereiten.
    Indessen fehlte es nicht an Gelegenheiten für ihre Strenge, nicht mehr als bei ihrem Bruder; da aber ihre immer gerechtfertigte Strenge nie überzogen war, bedrückte sie mich nicht, und ich empörte mich auch nicht. Es ärgerte mich mehr zu missfallen, als bestraft zu werden, und die Äusserungen von Unzufriedenheit empfand ich als grausamer als die körperliche Bestrafung. Es fällt mir schwer, es besser zu erklären, doch es ist notwendig. Man sollte, was die Jugend betrifft, die Methode ändern, würde man die entfernten Auswirkungen derselben, nach der man immer unterschiedslos und häufig unüberlegt vorgeht, besser erkennen! Da es eine grosse Lektion ist, die man aus einem ebenso häufigen wie traurigen Beispiel lernen kann, entschliesse ich mich, sie zu geben.
    So wie Mlle Lambercier für uns die Zuneigung einer Mutter hatte, so besass sie auch deren Autorität, die sie auch ausübte, wenn sie uns kindgerecht be- strafte [d.h. den Hintern versohlte], wenn wir es verdienten. Recht lange beliess sie es bei einer Androhung, und diese Androhung einer Züchtigung, die mir völlig neu war, erschien mir als ziemlich erschreckend; aber nach der Bestrafung fand ich sie weniger schlimm als vorher in ihrer Erwartung, und das Seltsamste war, dass durch diese Züchtigung meine Zuneigung zu ihr, die sie mir auferlegte, noch gesteigert wurde. Es bedurfte sogar der ganzen Wahrheit dieser Zuneigung und meiner natürlichen Sanftheit, um mich von einem Versuch abzuhalten, derselben Behandlung noch einmal unterzogen zu werden, indem ich sie mir erneut ver- diente; denn ich erlebte in dem Schmerz, ja sogar in der Scham eine Mischung an Empfindsamkeit, die in mir mehr einen Wunsch als die Furcht zurückliess, diese Züchtigungen durch dieselbe Hand öfter zu erhalten. Es ist wahr, dass sich dabei zweifellos eine verfrühte Regung des Sexualtriebes meldete, wohingegen die gleiche Massnahme, wenn sie von ihrem Bruder vorgenommen worden wäre, mir ganz und gar nicht angenehm gewesen wäre. Doch bei dem Temperament, das er besass, war das nicht zu befürchten, und wenn ich zu vermeiden suchte, mir eine derartige Erziehungsmassnahme einzuhandeln, dann ausschliesslich, um Mlle Lambercier nicht zu verärgern; denn solcherart ist die Herrschaft der Wohlgesonnenheit, auch die, welche erst gefühlsmässig in mir gewachsen ist, dass sie immer oberstes Gesetz in meinem Herzen bleibt.