Wie hätte ich bösartig werden können, da ich nur Vorbilder von Zärtlichkeit vor Augen und
um mich herum die liebsten Menschen der Welt hatte? Mein Vater, meine Tante, mein Kindermädchen, meine Verwandten,
unsere Freunde, unsere Nacbarn, alles, was mich umgab, diente mir nicht der Wahrheit, sondern liebte mich, und ich
liebte sie auch. Meine Bedürfnisse waren so so wenig ausgeprägt und so wenig überspannt, dass es mir nicht
bewusst war, welche zu haben. Ich kann schwören, dass mir bis zum Antreten einer Lehrstelle unter einem Meister
nicht klar war, was nur Fantasie war. Abgesehen von der Zeit, die ich damit verbrachte, an der Seite meines Vaters zu
lesen oder zu schreiben, oder der, wenn mein Kindermädchen mit mir spazierenging, war ich immer in der Obhut meiner
Tante, sah ihr beim Sticken zu, hörte sie singen, sass oder stand an ihrer Seite und war zufrieden. Ihre Heiterkeit,
ihre Sanftheit, ihr angenehmes Äusseres hinterliessen in mir so tiefe Eindrücke, dass ich heute noch ihre Miene,
ihren Blick und ihr Auftreten vor mir sehe: ich erinnere mich an ihre kleinen liebe- vollen Bemerkungen, ich könnte
noch beschreiben, wie sie gekleidet war und wie sie ihr Haar trug, nicht zu vergessen die zwei Löckchen, die ihr
schwarzes Haar an den Schläfen bildete, wie es zu jener Zeit die Mode war.
Ich bin überzeugt, dass ich ihr die Vorliebe oder vielmehr die Leidenschaft für die Musik verdanke,
die sich erst lange später in mir entwickelte. Sie kannte eine riesige Menge an Melodien und Liedern, die sie
mit einer sanften, zarten Stimme sang. Die seelenvolle Heiterkeit dieses herrlichen Mädchens nahm von ihr und
allem, das sie umgab, die Versunkenheit und Traurigkeit. Das Anziehende, das ihr Gesang für mich hatte, war nicht
nur derart, dass ich einige ihrer Lieder immer in meinem Gedächtnis behalten habe, sondern dass heute, da ich sie
verloren habe, einige, die ich seit meiner Kindheit völlig vergessen hatte, mit zunehmen- dem Alter mit einer Wehmut,
die ich nicht beschreiben kann, wieder auftauchen. Soll ich gestehen, dass ich alter Schwätzer, der von Sorgen und
Schmerzen geplagt wird, mich manchmal dabei überrasche, dass ich weine wie ein Kind und dabei mit brüchiger
und zittriger Stimme diese kleinen Melodien singe? Vor allem eine Melodie ist mir in Gänze wieder eingefallen; doch
von den Worten hat ein Teil sich trotz meiner Anstrengung dem Erinnern widersetzt, auch wenn mir die Reime bruchstückhaft
wieder einfallen. Hier ist der Anfang und ein Teil dessen, an das ich mich noch erinnere:
Tircis, ich
wage nicht
deinem Chalumeau zu lauschen....
Ich versuche zu verstehen, worin die besänftigende Anziehung besteht, die mein Herz in diesem Liedchen
findet; es ist eine Laune, die mir unbegreiflich ist, doch ist es mir unmöglich, es bis zum Ende zu singen, ohne
durch meine Tränen unterbrochen zu werden.