Es leuchtet ein, dass diese Art, Liebe zu machen, nicht zu schnellen Erfolgen führt und für die
Tugend der betroffenen Frauen nicht besonders gefährlich ist. Somit bin ich recht wenig zum Ziel gekommen, doch
habe ich die Liebe auf meine Art genossen, das heisst mit Hilfe meiner Phantasie. Auf diese Weise haben meine Sinne
im Einklang mit meiner Schüchternheit und meiner roman- tischen Einstellung mir reine Empfindungen und eine
ehrenhafte Sittlichkeit durch eben die Vorliebe bewahrt, die mich mit mehr Draufgängertum vielleicht in die
grauenhafteste Verdorbenheit hätte abgleiten lassen können
Ich habe den ersten und schmerzlichsten Schritt in das dunkle und sumpfige Labyrinth meiner Bekenntnisse getan.
Nicht das Ungesetzliche braucht die grösste Überwindung, es auszusprechen, sondern das Lächerliche und
Beschä- mende. Von diesem Augenblick an bin ich mir meiner Sache sicher: nachdem ich es auszusprechen gewagt habe,
kann mich nichts mehr aufhalten. Man kann darüber urteilen, was mich ähnliche Geständnisse gekostet
haben mögen, über das, was im Laufe meines Lebens manchmal denen, die ich am meisten liebte, durch die Wut
einer Leidenschaft widerfuhr, die mir die Fähigkeit zu sehen, zu hören nahm, von Sinnen und erfasst von
einem konvulsivischen Zittern meines ganzen Körpers, nie war ich dazu in der Lage, ihnen meinen Wahn begreiflich
zu machen und sie in der intimsten Vertrautheit um die einzige Gunst anzuflehen, die ich bei anderen nicht bekam. Das
ist mir ausser einem Mal nie passiert, und zwar als Kind mit einem Mädchen meines Alters; auch da war sie es, die
als erste den Vorschlag machte.
Wenn ich auf diese Weise auf die frühesten Spuren meines Gefühlslebens zurückblicke, dann scheinen
mir einige Elemente manchmal nicht zueinander zu passen, sie lassen sich nicht miteinander verbinden, um mit Nachdruck
eine einheitliche und einfache Wirkung zu erzeugen, und dann gibt es andere, die ihnen dem Augenschein nach gleichen und
die durch das Zusammenspiel bestimmter Umstände so unterschiedliche Verbindungen eingegangen sind, dass man sich nie
vorstellen könnte, dass zwischen ihnen eine Beziehung besteht. Wer würde beispielsweise darauf kommen, dass
einer der unnachgiebigsten Bereiche meiner Seele von derselben Quelle gespeist wurde, aus der auch die Trägheit und
Weichheit in meine Adern geflossen ist? Ohne das Thema, von dem ich sprach, zu verlassen, wird man daraus einen sehr
unterschiedlichen Eindruck entstehen sehen.
Eines Tages lernte ich in dem Zimmer neben dem meiner Kusine meine Lektion. Das Hausmädchen hatte die
Kämme der Mlle Lambercier in der Nähe des Ofens zum Trocknen ausgelegt. Als sie zurückkam, um sie zu
holen, stellte sich heraus, dass bei einem der Kämme die Zähne abgebrochen waren.