Mein Verstand war noch nicht so weit, um zu begreifen, wie sehr der Anschein mich verurteilte, und um mich an
die Stelle der anderen zu versetzen. Ich hielt mich an die meine, und alles, was ich spürte, war die Härte
einer fürch- terlichen Bestrafung für eine Tat, die ich nicht begangen hatte. Der körperliche Schmerz
war zwar heftig, doch ihn verspürte ich weniger; ich empfand nur Ent- täuschung, Wut und Verzweiflung.
Mein Vetter, der in einer vergleichbaren Lage war, nachdem er für einen unbeabsichtigten Fehltritt wie für
einen vorsätzlich begangenen bestraft worden war, folgte aufgebracht meinem Beispiel und stimmte gewissermassen
mit ein. Als wir in unserem gemeinsamen Bett lagen, umarmten wir uns stürmisch, bis uns der Atem ausging, und als
unsere jungen Herzen sich ein wenig beruhigt hatten und wir in der Lage waren, unsere Wut auszuatmen, setzten wir uns
aufrecht und begannen beide, hundertmal mit aller Kraft zu brüllen: Carnifex!,
Carnifex! ["Henker!"]
Während ich dies niederschreibe, spüre ich, wie sich immer noch mein Puls erhöht; an diese
Augenblicke würde ich mich noch erinnern, wenn ich hundert- tausend Jahre leben würde. Diese erste Erfahrung
von Gewalt und Ungerechtig- keit ist so tief in meine Seele eingegraben, dass alle Gedanken, die damit in Verbindung stehen,
meine früheste Emotion in mir wecken, und dieses ursprüng- liche Gefühl hat eine solche Beständigkeit
in sich selbst angenommen und sich so sehr von jeglichem persönlichen Interesse gelöst, dass mein Herz bei jeder
Beobachtung, jedem Bericht über eine Ungerechtigkeit in Aufregung versetzt wird, was auch immer das Objekt ist und
wo auch immer sie stattfindet, als ob ihre Auswirkung auf mich zurückfiele. Wenn ich über die Greueltaten eines
grau- samen Herrschers las, über die subtilen Verleumdungen eines niederträchtigen Geistlichen, hätte ich
mich gern aufgemacht, um den Elenden niederzustrecken, und wenn ich dabei hundertmal zugrunde gegangen wäre. Es
versetzte mich immer in Schweiss, wenn ich einen Hahn, eine Kuh, einen Hund oder sonst ein Tier jagte oder mit Steinen
verscheuchte, wenn ich beobachtete, wie es ein anderes malträtierte, nur weil es sich stärker fühlte.
Dieses Verhalten mag viel- leicht natürlich sein, und ich glaube, dass dem so ist, doch die lebendige Erinnerung an
die erste Ungerechtigkeit, die ich erlitten habe, war zu lange und zu stark damit verknüpft, um nicht immer noch
Wirkung zu zeigen.
Sie markierte das Ende der Unbeschwertheit meiner Kindheit. Von diesem Augenblick an hörte ich auf, ein
reines Glück zu geniessen, und es kommt mir noch heute so vor, dass auch die Erinnerung an den Reiz meiner Kindheit
hier endet. Wir verbrachten noch einige Monate in Bossey. Wir fühlten uns noch so, wie man uns den ersten Menschen
vorstellt, als er noch im Erdenparadies lebte, der jedoch daran keine Freude mehr hatte: es war dem Anschein nach
dieselbe Situation, tatsächlich jedoch eine völlig andere Lebensart.