Jean-Jacques Rousseau:  Les Confessions


    Mein Verstand war noch nicht so weit, um zu begreifen, wie sehr der Anschein mich verurteilte, und um mich an die Stelle der anderen zu versetzen. Ich hielt mich an die meine, und alles, was ich spürte, war die Härte einer fürch- terlichen Bestrafung für eine Tat, die ich nicht begangen hatte. Der körperliche Schmerz war zwar heftig, doch ihn verspürte ich weniger; ich empfand nur Ent- täuschung, Wut und Verzweiflung. Mein Vetter, der in einer vergleichbaren Lage war, nachdem er für einen unbeabsichtigten Fehltritt wie für einen vorsätzlich begangenen bestraft worden war, folgte aufgebracht meinem Beispiel und stimmte gewissermassen mit ein. Als wir in unserem gemeinsamen Bett lagen, umarmten wir uns stürmisch, bis uns der Atem ausging, und als unsere jungen Herzen sich ein wenig beruhigt hatten und wir in der Lage waren, unsere Wut auszuatmen, setzten wir uns aufrecht und begannen beide, hundertmal mit aller Kraft zu brüllen: Carnifex!, Carnifex! ["Henker!"]
    Während ich dies niederschreibe, spüre ich, wie sich immer noch mein Puls erhöht; an diese Augenblicke würde ich mich noch erinnern, wenn ich hundert- tausend Jahre leben würde. Diese erste Erfahrung von Gewalt und Ungerechtig- keit ist so tief in meine Seele eingegraben, dass alle Gedanken, die damit in Verbindung stehen, meine früheste Emotion in mir wecken, und dieses ursprüng- liche Gefühl hat eine solche Beständigkeit in sich selbst angenommen und sich so sehr von jeglichem persönlichen Interesse gelöst, dass mein Herz bei jeder Beobachtung, jedem Bericht über eine Ungerechtigkeit in Aufregung versetzt wird, was auch immer das Objekt ist und wo auch immer sie stattfindet, als ob ihre Auswirkung auf mich zurückfiele. Wenn ich über die Greueltaten eines grau- samen Herrschers las, über die subtilen Verleumdungen eines niederträchtigen Geistlichen, hätte ich mich gern aufgemacht, um den Elenden niederzustrecken, und wenn ich dabei hundertmal zugrunde gegangen wäre. Es versetzte mich immer in Schweiss, wenn ich einen Hahn, eine Kuh, einen Hund oder sonst ein Tier jagte oder mit Steinen verscheuchte, wenn ich beobachtete, wie es ein anderes malträtierte, nur weil es sich stärker fühlte. Dieses Verhalten mag viel- leicht natürlich sein, und ich glaube, dass dem so ist, doch die lebendige Erinnerung an die erste Ungerechtigkeit, die ich erlitten habe, war zu lange und zu stark damit verknüpft, um nicht immer noch Wirkung zu zeigen.
    Sie markierte das Ende der Unbeschwertheit meiner Kindheit. Von diesem Augenblick an hörte ich auf, ein reines Glück zu geniessen, und es kommt mir noch heute so vor, dass auch die Erinnerung an den Reiz meiner Kindheit hier endet. Wir verbrachten noch einige Monate in Bossey. Wir fühlten uns noch so, wie man uns den ersten Menschen vorstellt, als er noch im Erdenparadies lebte, der jedoch daran keine Freude mehr hatte: es war dem Anschein nach dieselbe Situation, tatsächlich jedoch eine völlig andere Lebensart.