Jean-Jacques Rousseau:  Les Confessions


    Die Einfachheit des Landlebens tat mir ein Gutes von unschätzbarem Wert, indem es mein Herz der Freundschaft öffnete. Bisher hatte ich nur hochfliegende, aber imaginäre Gefühle gekannt. Das tägliche gemeinsame Leben in Fried- fertigkeit verband mich eng mit meinem Vetter Bernard. Nach kurzer Zeit hatte ich für ihn stärkere Gefühle als die, welche ich für meinen Bruder hatte, und die nie erloschen sind. Er war ein grosser Junge, sehr schmächtig und zart, ebenso geistig sanft wie körperlich schwächlich, der nur wenig den Vorzug in Anspruch nahm, der ihm im Haus als Sohn meines Tutors zukam. Unsere Arbeiten, unsere Vergnügungen, unsere Vorlieben waren dieselben: wir waren unter uns, waren in demselben Alter, beide hatten ein Bedürfnis nach einem Kameraden; uns zu trennen hätte in einem gewissen Sinn bedeutet, uns auszulöschen. Auch wenn es keine Gelegenheit gab, unsere gegenseitige Verbundenheit unter Beweis zu stellen, so war sie doch aussergewöhnlich, nicht nur dass wir nicht einen Augen- blick getrennt sein konnten, wir konnten es uns auch überhaupt nicht vorstellen. Beide gaben wir leicht einem Bedürfnis nach Zärtlichkeiten nach; wir waren brav, wenn man uns nicht zu etwas zwang, und waren immer und über alles der gleichen Meinung. Wenn er unter den Augen derer, die uns beaufsichtigten, mir gegenüber einen Vorteil hatte, dann bekam ich einen, wenn wir allein waren, der das Gleichgewicht wiederherstellte. Bei unserem Unterricht flüsterte ich ihm, wenn er stockte, seine Aufgabe zu; wenn ich mit meiner zu Ende war, half ich ihm, die seine zu erledigen, und wenn wir unseren Vergnügungen nachgingen, dann war ich mit meinem aktiveren Temperament immer der Anführer. Schliesslich stimmten sich unsere Charaktere so sehr aufeinander ab, und die Freudschaft, die uns miteinander verband, wurde so innig, dass wir uns in den fünf Jahren, zuerst in Bossey und dann in Genf, in denen wir fast unzertrennlich waren, wie ich gestehe, häufig gebalgt haben, nie aber bestand die Notwen- digkeit, uns zu trennen, nie dauerten unsere Streitigkeiten länger als eine Viertel- stunde, und nie beschuldigten wir uns gegenseitig. Diese Anmerkungen sind vielleicht kindlich, doch sie belegen ein vielleicht einzigartiges Beispiel, solange es Kinder gibt
    Die Art und Weise, wie ich in Bossey lebte, kam mir so sehr entgegen, dass es nur eines längeren Zeitraums bedurft hätte, um meinen Charakter dauerhaft zu formen. Sein Grund bestand aus sanften, empfindsamen und friedfertigen Gefühlen. Ich glaube, nie besass ein Individuum unserer Art von Natur aus weniger Eitelkeit als ich. Ich schwang mich kraftvoll zu grossartigen Bewegungen auf, fiel aber sogleich wieder in meine Mattigkeit zurück. Mein drängendster Wunsch war, von allem, was um mich herum war, geliebt zu werden. Ich war sanftmütig; mein Vetter war es auch; die Personen, die uns beaufsichtigten, waren es ebenfalls. Während der gesamten zwei Jahre wurde ich weder Zeuge noch Opfer einer Gewalttätigkeit. Alles Geschehen bekräftigte in meinem Herzen die Eindrücke, die es von der Natur erhielt. Ich fand nichts zufriedenstellender, als zu sehen, dass alle Welt mit mir und mit allem einverstanden war.