Es waren nicht mehr Zuneigung, Respekt, Nähe und Vertrauen, das die Schutzbefohlenen mit ihren Führern
verband; wir betrachteten sie nicht mehr als Götter, die in unseren Herzen lasen; wir scheuten uns weniger,
uns daneben zu benehmen und fürchteten uns mehr davor, angeklagt zu werden; wir begannen, uns zu verbergen,
widerspenstig zu sein, zu lügen. Alle Dummheiten unseres Alters nahmen uns unsere Unschuld und veränderten
unsere Spiele. Sogar das Land verlor in unseren Augen jenen Reiz wegen seiner Lieblichkeit und Einfach- heit, die
das Herz ansprechen; es kam uns verlassen und düster vor; es war wie von einem Schleier bedeckt, der uns seine
Schönheiten verbarg. Wir hörten auf, unsere kleinen Gärten, unsere Pflanzen, unsere Blumen zu pflegen.
Wir machten uns nicht mehr daran, den Boden zu lockern und vor Freude zu jauchzen, wenn wir den ersten Keim
entdeckten, den wir gesät hatten. Wir fanden dieses Leben abstossend; man fand uns anstossend; mein Onkel
holte uns von dort weg, und wir verliessen M. und Mlle Lambercier, einander überdrüssig und ohne grosses
Bedauern wegen der Trennung.
Ungefähr dreissig Jahre sind seit meinem Weggang von Bossey vergangen, ohne dass ich mir die dort verbrachte
Zeit wegen der damit verknüpften Erinne- rungen mit angenehmen Gefühlen ins Gedächtnis zurückgerufen
hätte: doch seitdem ich die reife Lebensphase durchlaufen habe und mich dem Alter nähere, erlebe ich, dass eben
diese Erinnerungen wieder wach werden, während andere verblassen, und sich mit Zügen in mein Gedächtnis
eingraben, deren Liebreiz und Macht von Tag zu Tag wächst; als ob ich, da ich schon spüre, wie das Leben mir
entschwindet, versuchte, es mit den Anfängen festzuhalten.
Rousseau fallen eine Reihe von Vorkommnissen ein, die sich in der Zeit in Bossey zugetragen haben, von denen
er eines auswählt, um es wiederzugeben: M.Lambercier hatte am Rand der Terrasse einen Nussbaum gepflanzt und ein
kleines Bassin angelegt, das regelmässig zum Bewässern des Baumes aufgefüllt werden musste. Das brachte
offenbar Jean-Jacques auf den Gedanken, es ihm nachzutun, und so pflanzten er und der Cousin in der Nachbarschaft ebenfalls einen Baum, eine Weide, und legten zum Bewässern
ein zweites Bassin an, das sie mittels einer Rinne mit dem bereits vorhandenen verbanden. Als M.Lam- bercier das entdeckte,
rief er erbost aus: "Ein Aquädukt! ein Aquädukt!". Mit einer Hacke schlug er auf die von den Kindern geschaffene
Anlage, die Weide und die Rinne ein und zerstörte ihr Werk. Zu Rousseaus Erstaunen hatte die Sache kein Nachspiel,
M.Lambercier sprach nie wieder davon. Rousseau hörte im Gegenteil, wie er lachend seiner Schwester die Geschichte
erzählte. Er und sein Cousin pflanzten später an anderer Stelle ihren Baum.