Jean-Jacques Rousseau:  Les Rêveries du Promeneur Solitaire


            Zweiter Spaziergang

    Da ich nun den Plan gefasst habe, den derzeitgen Zustand meiner in der sonderbarsten Lage befindlichen Seele, in der sich je ein Sterblicher befinden kann, zu beschreiben, habe ich, um dieses Unternehmen umzusetzen, nichts einfacheres und entschiedeneres zu tun, als einen wahrheitsgetreuen Bericht über meine einsamen Spaziergänge und die Träumereien zu erstellen, die sie ausfüllen, wenn ich meinem Kopf die völlige Freiheit lasse und meinen Gedanken ohne einen Widerstand und ohne Scheu ihren Lauf lasse. Diese Stunden der Einsamkeit und des Meditierens sind die einzigen des Tages, in denen ich ganz ich selbst und ohne Ablenkung, ohne ein Hindernis bei mir selbst bin, und in denen ich wirklich von mir sagen kann, das zu sein, was die Natur gewollt hat.
    Ich habe bald gespürt, dass ich zu lange damit gewartet habe, dieses Projekt in Angriff zu nehmen. Meine Vorstellungskraft ist bei der Reflexion über einen Gegenstand, von dem sie anregt wird, nicht mehr so lebendig und entflammt nicht mehr so leicht wie früher, ich werde nicht mehr trunken von dem Delirium einer Träumerei; es ist jetzt mehr Erinnerung und weniger Schöpferisches in dem, was sie hervorbringt, eine leichte Erschlaffung schränkt meine Fähigkeiten ein, meine Lebensgeister schwinden allmählich; meine Seele erhebt sich nur noch mühsam aus ihrer gebrechlichen Hülle, und ohne die Hoffnung auf einen Zustand, den ich beanspruche, weil ich glaube, dass er mir zusteht, würde ich nur noch durch meine Erinnerungen existieren. Daher muss ich, um mir vor meinem Zerfall über mich selbst im klaren zu werden, mindestens mehrere Jahre zurückgehen zu der Zeit, in der ich, da ich hienieden jegliche Hoffnung verlor und auf Erden keine Nahrung für mein Herz fand, mich daran gewöhnte, es von seiner eigenen Substanz zu nähren und seine Nahrung ganz und gar in meinem Innern zu suchen.
    Diese Quelle, die ich zu spät für mich entdeckte, erwies sich als so ergiebig, dass sie ausreichte, um mich für alles zu entschädigen. Die Gewohnheit, Einkehr in mich selbst zu halten, liess mich endlich mein Gefühl für, ja fast meine Erinne- rung an mein Unglück vergessen, und ich lernte aus eigener Erfahrung, dass der Quell des wahren Glücks in uns selbst ist, sowie dass es nicht in der Macht der Menschen liegt, denjenigen wirklich unglücklich zu machen, der das Wissen hat, glücklich sein zu wollen. Seit vier oder fünf Jahren geniesse ich regelmässig die inneren Freuden, die zarte und sanfte Seelen in der Kontemplation finden. Dieses Entzücken, diese Ekstasen, die ich manchmal bei meinen einsamen Spa- ziergängen erlebt habe, waren Genüsse, die ich meinen Verfolgern verdankte: ohne sie hätte ich die Schätze, die ich in mir selbst trug, nie gefunden und nie kennengelernt. Wie könnte ich inmitten solcher Reichtümer ein getreues Verzeichnis von ihnen anlegen? Wollte ich mir all die süssen Träumereien ins Gedächtnis zurückrufen, dann würde ich in ihnen versinken, anstatt sie zu beschreiben. Ein vom Erinnern wiederhergestellter Zustand würde dazu führen, dass er bald aus dem Bewusstsein verschwände und man aufhörte, ihn zu empfinden.