Jean-Jacques Rousseau:  Les Rêveries du Promeneur Solitaire


    Ich spürte diese Wirkung sehr wohl bei den Spaziergängen, die auf das Vorhaben, die Fortsetzung meiner Confessions zu schreiben, folgten, insbeson- dere bei einem, von dem ich sprechen werde, bei dem ein unvorhergesehener Zwischenfall den Faden meiner Gedanken zerriss und ihnen für einige Zeit eine andere Richtung gab.
    Am Donnerstag, dem 24. Oktober 1776 ging ich nach dem Mittagessen die Boulevards bis zur Rue du Chemin-Vert entlang, über die ich die Anhöhen von Ménilmontant erreichte, von wo aus ich die Wege durch die Weinberge und Wiesen nahm und bis nach Charonne die freundliche Landschaft durchquerte, die diese beiden Dörfer voneinander trennt, und machte dann einen Umweg, um auf einem anderen Weg durch dieselben Wiesen zurückzukehren. Es machte mir Freude, sie mit dem Vergnügen und dem Interesse zu durchstreifen, das ange- nehme Landschaften schon immer in mir geweckt haben, und hielt manchmal an, um Pflanzen in ihrer Frische zu betrachten. Ich entdeckte zwei, die ich in der Umgebung von Paris selten sah und die ich in dieser Gegend im Überfluss antraf. Die eine war die Picris hieratioïdes aus der Familie der Korbblütler, die andere die Buplevrum falcatum aus der der Doldenblütler. Diese Entdeckung erfreute und entzückte mich recht lange und wurde noch übertroffen durch eine weitere, die Carastium aquaticum, die ich trotz des Unfalls, dessen Opfer ich an demselben Tag wurde, in einem Buch, das ich bei mir gehabt hatte, wieder- gefunden und meinem Herbarium einverleibt habe.
    Nachdem ich zu guter letzt noch ein paar Pflanzen, die noch in Blüte standen, und deren Anblick und mir vertraute Zuordnung mir dennoch immer wieder Freude bereitete, genau inspiziert hatte, riss ich mich nach und nach von diesem konzentrierten Betrachten los und überliess mich dem nicht weniger angeneh- men, jedoch berührenderen Eindruck, den das Gesamtbild von alledem auf mich machte. Vor ein paar Tagen war die Weinlese beendet worden; die spazieren- gehenden Städter waren bereits verschwunden; die Landleute hatten ebenfalls die Felder bis zu den Winterarbeiten verlassen. Die Landschaft war zwar noch grün und anmutig, doch teilweise bereits entblättert und fast leblos und bot überall das Bild von Einsamkeit und dem Nahen des Winters. Aus ihrem Anblick resultierte eine Mischung von Süsse und Traurigkeit, ein Eindruck, der mir zu sehr wie analog zu meinem Alter und meinem Schicksal vorkam, als dass ich ihn nicht mit mir in Verbindung gebracht hätte. Ich sah mich im Niedergang eines unschuldigen und glücklosen Lebens, mit einer Seele, die noch erfüllt ist von lebendigen Empfindungen und einem Geist, der noch mit einigen Blumen geschmückt ist, die jedoch schon durch die Traurigkeit verblüht und durch den Verdruss vertrocknet sind. Einsam und verlassen, wie ich mich fühlte, spürte ich schon das Kommen des ersten Frostes, und meine ermüdete Vorstellungskraft konnte meine Einsamkeit nicht mehr mit Wesen bevölkern, die nach meinem Herzen geformt waren. Seufzend sagte ich mir: was habe ich hier auf Erden gemacht? Ich war geschaffen worden, um zu leben, und ich sterbe, ohne gelebt zu haben.