Jean-Jacques Rousseau:  Les Rêveries du Promeneur Solitaire


    Sie hatte erwähnt, mir vorher das Manuskript zeigen zu wollen. Ich bat sie, nichts dergleichen zu tun, und sie unterliess es.
    Während meiner Rekonvaleszenz erhielt ich eines Tages dieses vollständig gedruckte und sogar gebundene Buch, und ich entdeckte im Vorwort solch aufgeblasene Lobeshymnen auf mich, so deplaziert und mit einer solchen Aufdringlichkeit, dass ich davon unangenehm berührt war. Mit der plumpen Schmeichelei, die darin zu spüren war, verband sich nie ein Wohlwollen, und mein Herz sollte sich darin nicht täuschen.
    [Anm.: Der Roman der Mme d'Ormoy: Malheurs der jungen Émilie, die der Unterweisung tugendhafter und empfindsamer Seelen dienen sollen erschien 1777, offenbar als weibliche Antwort auf den Émile.]
    Ein paar Tage später kam Madame d'Ormoy mich mit ihrer Tochter besuchen. Sie teilte mir mit, dass ihr Buch wegen einer darin enthaltenen Bemerkung grösstes Aufsehen auf sich zog; ich hatte dieser Bemerkung, als ich den Roman flüchtig überflogen hatte, kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Als Madame d'Ormoy gegangen war, las ich sie noch einmal, untersuchte ihre Aussage und glaubte das Motiv für ihre Besuche, ihre Schmeicheleien und die plumpen Lobeshymnen im Vorwort gefunden zu haben, und ich kam zu dem Schluss, dass all dies nur eines zum Ziel hatte, nämlich das Publikum glauben zu lassen, dass die Bemerkung mir zuzuschreiben war und in der Konsequenz auch die Vorwürfe, die sie angesichts der Umstände ihrer Veröffentlichung dem Autor einbringen könnte. [Anm.: Es konnte, so Rousseaus Befürchtung, der Anschein erweckt werden, dass er als vermuteter Autor Einfluss auf die Politik des Hofes nehmen wollte.]
    Ich hatte keinerlei Möglichkeit, dieses Gerücht zu zerstreuen und dem Eindruck, der dadurch erweckt werden könnte, entgegenzutreten, und alles, was ich tun konnte, war, ihm nicht weiter Nahrung zu geben, indem ich die nutzlosen und aufdringlichen Besuche der Madame d'Ormoy und ihrer Tochter weiter hinnahm. Hier ist der Brief, den ich zu diesem Zweck an die Mutter richtete:
    "Da Rousseau keine Autoren bei sich empfängt, dankt er der Madame d'Ormoy für ihre Güte und bittet sie, ihm nicht mehr die Ehre ihres Besuchs zu erweisen."
    Sie antwortete mir mit einem Brief, der zwar zuvorkommend in der Form, doch gewunden war wie alle, die man in ähnlichen Fällen an mich richtete. Ich hatte grausam den Dolch in ihr empfindsames Herz gestossen, und ich musste angesichts des Tons ihres Briefes annehmen, dass sie solch heftige und wahre Gefühle für mich hegte, dass sie diesen Bruch nicht ertragen würde ohne zu sterben. So gesehen sind Direktheit und Freimütigkeit in allen Dingen schlimme Verbrechen in der Welt, und ich würde meinen Zeitgenossen auch dann als bösartig und als Wüterich erscheinen, wenn ich in ihren Augen kein anderes Verbrechen hätte, als nicht falsch und hinterhältig wie sie selbst zu sein.