Jean-Jacques Rousseau:  Les Rêveries du Promeneur Solitaire


    Doch bei all den Verletzungen war nichts gebrochen, nicht einmal ein Zahn, ein Glück, das bei einem Sturz wie diesem an ein Wunder grenzte.
    Dies ist der wahrheitsgetreue Bericht über meinen Unfall. Innerhalb weniger Tage verbreitete sich die Geschichte in Paris in einer derart veränderten und verzerrten Form, dass sie unmöglich wiederzuerkennen war. Ich hätte gleich mit einer solchen Metamorphose rechnen können; aber es wurden ihr so viele bizarre Umstände hinzugefügt; sie wurde von so vielen obskuren Vermutungen und Unterschlagungen begleitet, man sprach mit einer derart lächerlichen Diskretion darüber, dass all diese Geheimnistuerei mich berunruhigte. Ich habe die Dunkelheit immer gehasst, sie flösst mir von Natur aus einen Schrecken ein, der durch das Undurchsichtige, das seit so vielen Jahren um mich herum ist, nicht verringert werden konnte. Von allen aussergewöhnlichen Vorkommnissen jener Zeit will ich nur eines aufgreifen, das ausreicht, um über noch weitere ein Urteil zu fällen.
    M.Lenoir, Generalleutnant der Polizei, mit dem ich nie irgendetwas zu tun gehabt hatte, schickte seinen Sekretär, um sich über mein Befinden zu informieren und mir gleichzeitig Dienste anzubieten, die mir bei den gegebenen Umständen für meine Besserung von keinem grossen Nutzen zu sein schienen. Sein Sekretär beharrte darauf, mir diese Angebote eindringlich ans Herz zu legen und sagte mir schliesslich, falls ich zu ihm kein Vertrauen habe, könne ich M.Lenoir persönlich schreiben. Diese grosse Eindringlichkeit und die Vertrauens-Beteuerung liessen mich begreifen, dass es bei alledem etwas Geheimnisvolles gab, das ich zu ergründen suchte. Es brauchte nicht viel, um mich zu beun- ruhigen, besonders in dem Zustand der Erregung, in den der Unfall und das mit ihm verbundene Fieber meinen Kopf versetzt hatte. Ich gab mich tausend beun- ruhigenden und bedrückenden Vermutungen hin, und ich zog aus allem, was um mich herum geschah, Schlussfolgerungen, die mehr Ausdruck eines Fieber-Deliriums waren als einer Kaltblütigkeit eines Menschen, der an nichts mehr Interesse zeigt.
    Einem weiteren Vorkommnis gelang es, mir meine Ruhe zu rauben. Madame d'Ormoy hatte mich seit mehreren Jahren aufgesucht, ohne dass ich den Grund dafür erraten konnte. Kleine aufmerksame Geschenke, häufige Besuche ohne Anlass und ohne Vergnügen wiesen auf eine geheime Absicht von alledem hin, die sich mir jedoch nicht erschloss. Sie hatte über einen Roman gesprochen, den sie schreiben wollte, um ihn der Königin zu präsentieren. Ich hatte ihr gesagt, wie ich über weibliche Autoren dachte. Sie hatte mich wissen lassen, dass dieses Vorhaben die Wiedererlangung ihres Vermögens zum Ziel habe, für das sie Protektion benötigte; ich konnte ihr darauf nichts antworten. Sie sagte mir, nachdem es ihr nicht gelungen war, Zugang zur Königin zu erhalten, sei sie entschlossen, ihr Buch der Öffentlichkeit zu übergeben. Es ging nicht darum, ihr Ratschläge zu geben, um die sie mich nicht bat und die sie auch nicht befolgt hätte.