Jean-Jacques Rousseau:  Les Rêveries du Promeneur Solitaire


    Wenigstens war es nicht meine Schuld, und ich werde meinem Schöpfer zwar nicht das Geschenk guter Taten darbringen, die man mich nicht hat tun lassen, so doch wenigstens einen Tribut nicht ausgeführter guter Absichten, wohlgeson- nene, doch folgenlose Empfindungen von Nachsicht angesichts der Verachtung der Menschen. Ich besänftigte mich mit diesen Überlegungen, vollzog die Ver- änderungen meiner Seele seit meiner Jugendzeit sowie in meinem reifen Alter nach, weiterhin, seitdem man mich aus der menschlichen Gesellschaft ausge- schlossen hat und schliesslich während der langen Zurückgezogenheit, in der ich meine Tage beenden muss. Ich rief mir mit Vergnügen all die Gefühlsmomente meines Herzens ins Gedächtnis zurück, die so zarten, doch blinden Zunei- gungen, die weniger traurigen als tröstenden Ideen, von denen meine Hoffnung sich seit einigen Jahren genährt hatte, und ich bereitete mich darauf vor, sie zu ordnen, um sie mit dem gleichen Vergnügen aufzuschreiben, mit dem ich in ihnen geschwelgt hatte. Mein Nachmittag verging mit diesen friedvollen Meditationen, und ich kam sehr zufrieden mit meinem Tagesablauf auf sie zurück, als ich, noch in meine Träumerei versunken, durch ein Ereignis, das ich jetzt schildern muss, aus ihr herausgerissen wurde.
    Ich befand mich gegen sechs Uhr im Abstieg von Ménilmontant fast gegenüber vom Galant Jardinier, als vor mir gehende Personen plötzlich zurück- wichen und ich mich einer grossen dänischen Dogge gegenübersah, die in vollem Lauf vor einer Kutsche heranschoss und nicht mehr die Zeit hatte, abzu- bremsen oder auszuweichen, als sie mich sah. Ich kam zu dem Schluss, dass die einzige Möglichkeit, die ich hatte, zu vermeiden, von dem Hund zu Boden gerissen zu werden, war, einen so gewaltigen Sprung zu machen, damit er unter mir durchlaufen konnte, während ich mich in der Luft befand. Dieser blitzartige Gedanke, über den nachzudenken oder den auszuführen ich nicht die Zeit hatte, war der letzte vor meinem Unfall. Ich spürte weder den Aufprall noch den Sturz, noch das, was darauf folgte, bis zu dem Augenblick, als ich wieder zu mir kam.
    Die Nacht war hereingebrochen, als ich wieder das Bewusstsein erlangte. Ich befand mich in den Armen von drei oder vier jungen Leuten, die mir erzählten, was mir zugestossen war. Der dänische Hund war, nachdem er seinen Lauf nicht mehr abbremsen konnte, gegen meine Beine geprallt und hatte mich mit seiner Masse und seiner Geschwindigkeit erwischt und mich mit dem Kopf voran zu Fall gebracht: mein Oberkiefer, der das ganze Gewicht meines Körpers trug, war auf einen sehr kantigen Stein aufgeschlagen, und der Sturz war besonders heftig, da der Kopf sich wegen des Gefälles tiefer als meine Füsse befand.
    Die Kutsche, zu der der Hund gehörte, folgte unmittelbar nach ihm und hätte mich überfahren, wenn der Kutscher nicht auf der Stelle die Pferde zum Anhalten gebracht hätte. All dies erfuhr ich durch den Bericht der Leute, die mir aufge- holfen hatten und die mich auch stützten, als ich wieder zu mir gekommen war. Der Zustand, in dem ich mich in dem Augenblick befand, war so einzigartig, dass ich nicht umhin kann, hier eine Beschreibung von ihm zu geben.