Aus purer Ideenlosigkeit mache ich mich an die Übersetzung dieses letzten Werkes von Rousseau, von
dem ich vor vielen Jahren schon einmal ein paar Kapitel übersetzt habe; ich habe sie nicht aufbewahrt.
Bemerkenswert fand ich den Anfang, der mir ein bezeichnendes Licht auf einen Charakterzug Rousseaus zu werfen
schien; er, der, wie wir wissen, mit seiner Frau Thérèse zusammen- lebte, beginnt so:
" Me voici donc seul sur la terre, n'ayant plus de frère, de prochain, d'ami, de société
que moi-même."
Erster Spaziergang
Ich bin nun allein auf der Erde, da mir kein Bruder, kein Nächster oder Freund oder sonstige Gesellschaft
bleibt und ich nur mich selbst habe. Dem geselligsten und der Liebe bedürftigsten der menschlichen Wesen ist sie
durch eine einstim- mige Meinung entzogen worden. Sie [Anm.: Erster Hinweis auf eine Verschwö- rung, als deren
Opfer R. sich sieht] haben in ihrem Vorrat des Hasses nach der Folter gesucht, die für meine empfindsame Seele
am grausamsten sein würde, und haben gewaltsam alle Verbindungen zerstört, die mich an sie banden. Ich
hätte die Menschen auch ihnen zum Trotz geliebt. Sie konnten nicht anders als die Gefühle, die ich
für sie hegte, zu zerstören. So sind sie nun, da sie es so gewollt haben, für mich schliesslich
Fremde, Unbekannte, nicht existent. Aber was bin ich nun, da ich ihrer und allem ledig bin? Eben das bleibt
mir zu erforschen. Unglücklicherweise muss dieser Erforschung ein Blick auf meine Lage vorangehen. Dieser
Gedanke erfordert notwendigerweise, dass ich von ihnen weg zu mir selbst komme.
Seit fünfzehn Jahren [Anm.: Bezug auf die Angriffe, denen R. ab 1762 wegen des
Émile ausgesetzt war] und darüber hinaus lebe ich in dieser sonderbaren Lage, die mir immer noch
wie ein Traum vorkommt. Ich stelle mir andauernd vor, dass ich unter einer Magenverstimmung leide, einen schlechten
Schlaf habe, und dass ich frei von meinem Unwohlsein aufwachen und mich im Kreis meiner Freunde befinden werde.
Ja, es muss zweifellos so gewesen sein, dass ich, ohne mir dessen bewusst zu sein, am Abend einen Sprung in den
Schlaf gemacht habe, oder vielmehr aus dem Leben in den Tod. So wie es mich, ich weiss nicht wie, aus der
Ordnung der Dinge herausgerissen hat, sah ich mich in ein unbe- greifliches Chaos gestürzt, in dem ich
absolut nichts erkennen kann; und je mehr ich über meine augenblickliche Lage nachdenke, umso weniger
verstehe ich, wo ich mich befinde.
Ah! Wie hätte ich das Schicksal, das mich erwartete, vorhersehen können? wie könnte ich
es bis heute begreifen, warum ich ihm ausgeliefert bin? Könnte ich mit meinem gesunden Menschenverstand
vorhersehen, dass ich eines Tages, als derselbe Mensch, der ich war, derselbe, der ich noch bin, für ein
Monster gehal- ten würde, ohne dass im geringsten daran gezweifelt wird, ein Giftverbreiter, ein Mörder,
dass ich zum Schrecken der menschlichen Rasse werden würde, zum Spielball des Pöbels, dass der einzige
Gruss der Passanten darin bestünde, vor mir auszuspucken, dass eine ganze Generation einhellig Gefallen
daran finden würde, wenn ich lebendig begraben werde.