Ich werde bis zu einem gewissen Grad ähnlich vorgehen, wie es die Physiker tun, wenn sie den Zustand der
Luft feststellen wollen. Ich lege das Barometer an meine Seele an, und wenn ich diese Prozedur geplant und häufig
wiederhole, könnte ich ebenso verlässliche Ergebnisse erhalten wie sie. Aber so weit will ich mein Vorhaben
nicht treiben. Es ist das gleiche Vorhaben wie das Montaignes, aber mit einem entgegengesetzten Ziel: denn er schrieb die
Essais nur für andere, ich aber schreibe meine Träumereien nur für mich selbst auf.
Wenn ich in meinem Alter, wie ich hoffe, weiterhin in der jetzigen Verfassung bin, dann wird mir das Wiederlesen dasselbe
Vergnügen bereiten, das ich beim Nieder- schreiben habe, und indem es die Vergangenheit wiederauferstehen lässt,
wird es meine Existenz gewissermassen verdoppeln. Den Menschen zum Trotz werde ich weiterhin die Freuden der Gesellschaft
geniessen und nur mit mir selbst in einer anderen Zeit leben, wie wenn ich zusammen mit einem jüngeren Freund leben
würde.
Ich schrieb meine Confessions und meine Dialogues in beständiger Sorge, sie
den räuberischen Händen meiner Verfolger zu entreissen, um sie nach Möglichkeit anderen Generationen zu
übergeben. Dieselbe Beunruhigung quält mich auch wegen dieses Berichts, ich weiss, dass sie unnötig wäre,
denn da der Wunsch, von den Menschen besser gekannt zu werden, in meinem Herzen erloschen ist, bleibt in ihm nur eine
tiefe Gleichgültigkeit, was das Schicksal sowohl meiner wahren Schriften als auch der Zeugnisse meiner Unschuld
betrifft, die vielleicht schon alle für immer vernichtet worden sind. Soll man das, was ich tue, argwöhnisch
beobachten, sich wegen dieser Blätter beunruhigen, mag man sie sich aneignen, sie vernichten, sie fälschen, das
alles ist mir von nun an gleichgültig. Weder verberge ich, noch zeige ich sie. Mag man sie mir zu Lebzeiten wegnehmen,
das Vergnügen, sie geschrieben zu haben, ebensowenig wird man mir die Erinnerung an ihren Inhalt wegnehmen, noch die
Gedanken der Abgeschiedenheit, deren Frucht sie sind und deren Quell erst mit meiner Seele versiegen kann. Wenn ich vom
Beginn meiner Bedrängnisse an eingesehen hätte, mich nicht gegen mein Schicksal aufzulehnen, und ich den
Standpunkt eingenommen hätte, den ich heute einnehme, dann wären alle Bemühungen der Menschen, alle ihre
abscheulichen Machenschaften an mir abgeglitten, und sie hätten meine innere Ruhe nicht durch all ihre Nachstellungen
stören können, so wie sie sie heute auch durch all ihre Erfolge nicht stören können; sollen sie
sich nach Belieben an meinem Missgeschick ergötzen, mich werden sie nicht daran hindern, mich an meiner Unschuld
zu erfreuen und meine Tage ihnen zum Trotz in Frieden zu beschliessen.