So erwarb ich mir mit dieser fragwürdigen Methode nicht nur eine ausser- gewöhnliche Fähigkeit
zu lesen und mich auszudrücken, sondern auch ein für mein Alter einzigartiges Verständnis für die
Leidenschaften. Ich hatte keinerlei Idee von den Dingen, aber die Gefühle waren mir schon bekannt. Ich habe nichts
begriffen, doch ich hatte alles empfunden. Diese undeutlichen Gefühle, die ich ein ums andere Mal empfand,
beeinträchtigten jedoch nicht die Vernunft, die ich noch nicht hatte; vielmehr formten sie mich auf eine andere
Weise, sie erzeugten in mir absonderliche und romantische Vorstellungen vom menschlichen Leben, von denen die Erfahrung
und die Reflexion mich nicht haben heilen können.
Die Zeit der Romane endete mit dem Sommer 1719. Im Winter trat etwas anderes an ihre Stelle. Als der Buchbestand
meiner Mutter erschöpft war, griffen wir auf den Bestand ihres Vaters zurück, der uns zur Verfügung stand.
Glück- licherweise befanden sich gute Bücher darunter; und das konnte nicht anders sein, denn diese Bibliothek
war von einem Minister aufgebaut worden, in der Tat ein Gelehrter, denn das war damals in Mode, aber auch ein Mann von
Geschmack und von Geist. Die Geschichte der Kirche und des Empires [d.h. des Heiligen Römischen
Reiches, zu dem übrigens die Schweiz bis zum West- fälischen Frieden gehörte] von Le Sueur; die Discours von Bossuet sur L'Histoire universelle; die Bedeutenden Männer
von Plutarch; die Geschichte Venedigs von Nani; die Metamorphosen von Ovid; La
Bruyère; die Mondes von Fontenelle; seine Dialogues des Morts sowie einige
Bände von Molière wurden in das Arbeitszimmer meines Vaters gebracht, und ich las sie ihm jeden Tag
während seiner Arbeit vor. Ich entwickelte eine für mein Alter seltene und vielleicht einzigartige Vorliebe.
Insbesondere Plutarch wurde meine bevorzugte Lektüre. Das Vergnügen, das ich beim unablässigen Wiederlesen
empfand, heilte mich ein wenig von den Romanen; und ich zog bald Agesilas, Brutus, Aristides den Orondates, Artamene
und Juba vor [Gestalten Plutarchs werden solchen aus beliebten Romanen seiner Zeit gegenübergestellt]. Durch diese
interessante Lektüre und die Gespräche, die sich daraus zwischen meinem Vater und mir ergaben, entwickelte
sich dieser freie und republikanische Geist, dieser unzähm- bare und stolze Charakter, ungeduldig gegen Zwang und
Unterwürfigkeit, der mich in Situationen, die am wenigsten geeignet waren, ihm freien Lauf zu lassen, immer wieder
in meinem Leben in Verlegenheit gebracht hat. Da ich unablässig von Rom und Athen besessen war und gewissermassen
mit ihren Grossen Männern lebte, selbst als Bürger einer Republik geboren worden und der Sohn eines Vaters war,
dessen stärkste Leidenschaft die Liebe zur Heimat war, begeisterte ich mich nach seinem Vorbild; ich fühlte
mich als Grieche oder Römer; ich wurde zu der Person, über dessen Leben ich gerade las; die Berichte über
Eigenschaften wie Standhaftigkeit und Furchtlosigkeit, die mich begeister- ten, liessen meine Augen leuchten und meine
Stimme fest werden. Als ich eines Tages bei Tisch die Abenteuer Scaevolas vortrug, versetzte ich alle in Schrecken, als
ich die Hand nach einer Wärmeplatte ausstreckte, um sein Auftreten darzustellen.