Ich habe nicht erfahren, wie mein Vater diesen Verlust ertragen hat, doch ich weiss, dass er sich nie über
ihn hinweggetröstet hat. Er glaubte sie in mir wieder- zufinden, ohne jedoch zu vergessen, dass ich sie ihm
genommen hatte; Immer wenn er mich umarmte, spürte ich bei seinen Seufzern, seinen konvulsivischen Umarmungen,
dass sich ein bitterer Vorwurf unter seine Zärtlichkeiten mischte; sie wurden dadurch umso inniger. Wenn er zu mir
sagte: "Jean-Jacques, sprechen wir von deiner Mutter", dann antwortete ich ihm: "Ja mein Vater, weinen wir gemeinsam",
und allein diese Worte entlockten ihm schon Tränen. "Ach, sagte er seufzend, gib sie mir zurück, tröste
mich über sie hinweg, fülle die Leere, die sie in meiner Seele hinterlassen hat. Würde ich dich so lieben,
wenn du bloss mein Sohn wärst?" Vierzig Jahre nach ihrem Verlust ist er in den Armen einer zweiten Frau gestorben,
doch mit dem Namen der ersten auf den Lippen und ihrem Bild auf dem Grund seines Herzens.
So sahen die Anfänge meiner Tage aus. [Man kann hier wohl einschränkend bemerken: So hätte es sich
zugetragen haben können.] Von allen Gaben, die der Himmel mir mitgab, war ein empfindsames
Herz das einzige, das mir von ihnen blieb; doch es machte ihr Glück aus und gleichzeitig das Unglück meines
Lebens.
Ich wurde halbtot geboren; man hatte wenig Hoffnung, mich am Leben zu erhalten. Ich trug den Keim einer
Unpässlichkeit in mir, die sich mit den Jahren verschlimmert hat [Anm.: eine Blasen-Funktionsstörung], wobei
ich zur Zeit, wenn ich manchmal eine Erleichterung verspüre, auf eine andere Weise umso grausamer leide. Eine
Schwester meines Vaters, ein liebenswertes und kluges Mädchen, nahm sich meiner mit einer solchen Hingebug an,
dass sie mich rettete. Da ich dies schreibe, ist sie noch am Leben und pflegt im Alter von achtzig Jahren einen viel
jüngeren, der Trunksucht verfallenen Ehemann. Liebe Tante, ich verzeihe dir, dass du mich am Leben erhalten hast,
und ich bedaure, dir nicht am Ende deiner Tage die zärtliche Pflege zurückgeben zu können, die du mir
am Anfang der meinen angedeihen lassen hast. Da ist auch noch die liebe Jacqueline, immer noch lebendig, gesund und
rüstig. Die Hände, die mir bei meiner Geburt die Augen geöffnet haben, können sie mir bei meinem
Tod schliessen.
Ich fühlte, bevor ich begann zu denken: das ist das gemeinsame Schicksal der Menschheit. Ich machte diese
Erfahrung mehr als jeder andere. Ich weiss nicht, was ich bis zu einem Alter von fünf oder sechs gemacht habe;
ich weiss nicht, wie ich lesen gelernt habe; ich erinnere mich nur an meine erste Lektüre und daran, wie sie auf
mich gewirkt hat: auf diese Zeit datiere ich ein seither kontinuierliches Bewusstsein meiner selbst. Meine Mutter hatte
mir Romane hinterlassen. Wir, mein Vater und ich, begannen sie nach dem Abendessen zu lesen. Zu Anfang ging es nur darum,
dass ich mich mit unterhaltsamen Büchern im Lesen übte; bald jedoch wurde das Interesse so gross, dass wir
nach und nach ohne aufzuhören lasen und so die Nächte verbrachten. Wir konnten erst mit dem Ende des Buches
aufhören. Manchmal, wenn am Morgen schon die Schwalben zu hören waren, sagte mein Vater verlegen: "Gehen wir
schlafen; ich bin mehr Kind als du."