Ich hatte einen sieben Jahre älteren Bruder. Er erlernte den Beruf meines Vaters. Die aussergewönliche
Zuwendung, die ich genoss, hatte zur Folge, dass er etwas nachlässig wurde, und soetwas schätze ich gar nicht.
Diese Nachläs- sigkeit machte sich auch bei seiner Erziehung bemerkbar. Er nahm schon bevor er in dem Alter war, in
dem man zu einem wirklichen Lebemann wird, die Züge eines Lebemannes an. Er wurde zu einem anderen Lehrmeister
gegeben, bei dem er sich ähnliche Eskapaden leistete wie zuvor im väterlichen Haus. Ich sah ihn fast nie,
daher kann ich eigentlich nicht sagen, dass ich ihn richtig kennen- gelernt habe; doch ich liebte ihn dennoch zärtlich,
und er liebte mich ebenfalls, so wie ein Taugenichts etwas lieben kann. Ich erinnere mich, dass ich mich einmal, als mein
Vater ihn im Zorn heftig schlug, stürmisch zwischen sie warf und ihn umschlang. Auf diese Weise schützte ich ihn
mit meinem Körper und bekam die Schläge ab, die für ihn bestimmt waren, und ich hielt so lange durch, bis
mein Vater schliesslich ein Einsehen hatte und von uns abliess, sei es dass er von meinem Schreien und den Tränen
entwaffnet wurde, oder sei es, um nicht mich mehr zu verprügeln als ihn. [Bei dieser Schilderung, mit der Rousseau
einen eigentümlichen Charakterzug belegen möchte, liesse sich einwenden, dass es sich kaum so abgespielt hat.
Bei dem anzunehmenden Grössenunterschied der beiden – sie waren sieben Jahre auseinander!
– dürfte es kaum möglich gewesen sein, dass er den Bruder wirklich mit seinem Körper abdeckte. Hier
scheint Rousseaus Phantasie ihn im Sinn der Plausibilität grösser zu machen, als er war – oder den Bruder
kleiner.] Schliesslich entwickelte sich mein Bruder so zum Schlechten, dass er davonlief und ganz verschwand. Einige
Zeit später erfuhren wir, dass er in Deutschland war. Er schrieb nicht ein einziges Mal. Seitdem hatten wir von ihm
keine Nachricht mehr, und so blieb ich der einzige Sohn.
Wenn bei diesem armen Jungen die Erziehung vernachlässigt wurde, so war das bei seinem Bruder nicht der Fall,
und die Kinder des Königs hätten nicht mit mehr Sorgfalt behandelt werden können, als ich es während
meiner ersten Jahre wurde, denn ich wurde überall und jederzeit vergöttert und, was noch seltener ist, immer
als geliebtes und nie als verwöhntes Kind behandelt. Bevor ich das väterliche Haus verliess, hat man mich nie
auf der Strasse mit anderen Kindern herumlaufen lassen, nie musste man in mir irgendeine dieser ausgefallenen Launen, die
man der Natur zuschreibt und die bei der Erziehung eines Einzel- kindes auftreten, unterdrücken oder ihnen nachgeben.
Ich hatte die Fehler meines Alters; ich war geschwätzig, naschhaft, und manchmal lügnerisch. Ich mochte Obst,
Bonbons oder Essen stehlen, doch nie tat ich aus Vergnügen Unrecht, richtete ich Schäden an, beschuldigte ich
andere oder quälte wehrlose Tiere. Ich erinnere mich allerdings, einmal in den Kochtopf (?) einer unserer
Nachbarinnen, Mme Clot, gepinkelt zu haben, während sie beim Gottesdienst war. Ich gestehe, dass mich diese
Erinnerung immer noch zum Lachen bringt, weil Mme Clot, eine im Grunde gute Frau, die mürrischste Alte war, die
ich je im Leben gekannt habe. Dies ist die kurze und wahrheitsgemässe Geschichte meiner kindlichen Verfehlungen.
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