Jean-Jacques Rousseau:  Les Rêveries du Promeneur Solitaire


    Ich finde sie dann viel geringfügiger als ich sie mir vorgestellt hatte, und sogar auf dem Höhepunkt meines Leids höre ich nicht auf, mich erleichtert zu fühlen. In diesem Zustand, in dem ich von jeglicher Befürchtung und von der Unruhe, ausgelöst durch die Hoffnung, befreit bin, genügt allein die Gewohnheit, um eine Situation von Tag zu Tag erträglicher zu finden, die durch nichts verschlimmert werden kann, und mit dem Schwächerwerden der Empfindung allein durch ihre Dauer gibt es nichts, was die Qualen wiederbeleben könnte. Darin besteht das Gute, das meine Verfolger mir angetan haben, indem sie den ganzen Vorrat an Feindseligkeit aufgebraucht haben. Sie haben jegliche Macht über mich einge- büsst, und ich kann mich von nun an über sie lustig machen.
    Es ist noch keine zwei Monate her, dass wieder eine völlige Ruhe in mein Herz eingekehrt ist. Für eine lange Zeit fürchtete ich nichts mehr, aber ich hoffte noch, und diese Hoffnung, mal bestärkt und mal enttäuscht, war die Grundlage dafür, dass tausend verschiedene Dinge mich unaufhörlich beschäftigten. Ein ebenso trauriges wie unvorhergesehenes Ereignis hat schliesslich diesen schwachen Hoffnungsstrahl in meiner Seele ausgelöscht und mir klargemacht, dass mein Schicksal hier auf Erden für immer unumkehrbar beschlossen war. Von da an habe ich endgültig resigniert und dadurch meinen Frieden wieder- gefunden.
    Als ich begann, das Komplott in seiner ganzen Ausdehnung zu überblicken, habe ich die Idee, die Kluft zwischen mir und der Öffentlichkeit zu meinen Leb- zeiten wieder zu schliessen, für immer aufgegeben; und selbst diese Umkehr, die keineswegs mehr von beiden Seiten ausgehen könnte, wäre für mich von jetzt an ohne Wert. Mochten die Menschen auch zu mir zurückkehren, sie würden mich nicht wiederfinden. Bei all der Abneigung, die sie mir eingeflösst haben, wäre ein Verkehr mit ihnen schal, ja lästig, und ich bin in meiner Einsamkeit hundertmal glücklicher, als ich es persönlich mit ihnen sein könnte. Sie haben alles Ver- langen nach Gesellschaft aus meinem Herzen herausgerissen. Es könnte in meinem Alter auch nicht wieder entstehen; dazu ist es zu spät. Was sie mir von nun an auch an Gutem oder an Schlimmem antun mögen, es ist mir egal, und was sie auch immer tun, meine Zeitgenossen werden mir nie wieder etwas bedeuten.
    Doch ich zählte noch auf die Zukunft und hoffte, dass eine bessere Generation, die die Urteile über mich und das Verhalten mir gegenüber genauer prüfen würde, leicht das Lügengebäude jener, die es dirigieren, aufdecken und mich endlich so sehen würde, wie ich wirklich bin. Es war diese Hoffnung, die mich meine Dialoge schreiben liess und mich zu tausend verrückten Versuchen antrieb, sie der Nachwelt zu übergeben. [Anm.: Bezieht sich auf den geschei- terten Versuch, das Manuskript auf dem Altar von Notre-Dame niederzulegen.] Diese wenn auch entfernte Hoffnung hielt mich innerlich in der gleichen Bewegung wie früher, als ich noch in diesem Jahrhundert eine gerechte Seele suchte und meine Hoffnungen, die ich noch heimlich hegen mochte, mich ohne Rücksicht zum Spielball der heutigen Menschen machte. Ich führte in meinen Dialogen aus, worauf ich diese Erwartung stützte. Ich täuschte mich.