Als sich dieser befremdliche Umschwung vollzog, hat es mich zuerst völlig überrascht. Meine
Erregtheit, mein Abscheu tauchten mich in einen Zustand der Verwirrung, die an die zehn Jahre brauchte, um sich
zu legen, und in diesem Zeitraum, in dem ich von Irrtum zu Irrtum, von Fehler zu Fehler, von Dummheit zu Dummheit
taumelte, gab ich dank einiger Unvorsichtigkeiten, die mir ihnen gegenüber unterliefen, den Verursachern
meines Schicksals Instrumente an die Hand, die sie geschickt anwandten, um es unwiderruflich zu besiegeln.
Ich habe lange heftige und vergebliche Auseinandersetzungen gehabt. Ohne Hinterlist, ungeschminkt, ohne
Verstellung und ohne Vorsicht, freimütig, offen, ungeduldig, hitzig habe ich mich dem Streit gestellt, um
mich dadurch nur noch mehr zu verstricken und ihnen unablässig neue Handhabe zu geben, die sie sich nicht
entgehen liessen. Schliesslich spürte ich, dass alle meine Mühen zu nichts führten und ich mich
nutzlos aufrieb, und ich tat das einzige, das mir noch blieb, nämlich mich in mein Schicksal zu ergeben,
ohne mich weiter gegen das Unab- änderliche aufzulehnen. In dieser Resignation fand ich in der inneren Ruhe,
die sie mir verschafft, und die nicht durch den ununterbrochenen Kraftaufwand des ebenso mühevollen wie
fruchtlosen Widerstandes belastet war, die Entschädi- gung für meine Qualen.
Ein weiterer Umstand hat zu dieser Ruhe beigetragen. Bei aller Durchtrieben- heit ihres Hasses haben meine
Verfolger eine Gemeinheit ausgelassen; sie hätte darin bestanden, mit gezielten und massvollen Angriffen
meine Schmerzen ununterbrochen zu erhalten und zu erneuern, indem sie immer wieder neue Anklagen gegen mich
hervorbrachten. Wenn sie so geschickt gewesen wären, mir einen Hauch von Hoffnung zu lassen, dann würden
sie mich immer noch in ihren Fängen haben. Sie könnten mich immer noch mit irgendeinem falschen Köder
zu ihrem Spielball machen und mich dann dank meiner enttäuschten Erwartung immer aufs Neue quälen. Doch sie
haben vorzeitig ihre Mittel erschöpft; dadurch dass sie mir nichts liessen, haben sie sich selbst alles genommen.
Die Diffamierung, die Erniedrigung, die Verunglimpfung, die Verhöh- nung, womit sie mich überzogen haben,
sind in ihrer Steigerung nicht mehr anders zu bewältigen als durch Beruhigung; wir sind gleichermassen am Ende
unserer Möglichkeiten, sie, sie weiter zu steigern, und ich, mich ihnen zu entziehen. Sie haben sich sosehr
bemüht, das Ausmass meines Leidens auf die Spitze zu treiben, dass jede menschliche Kraftanstrengung auch mit
allen Listen der Hölle es nicht schafft, dem noch etwas hinzuzufügen. Selbst physischer Schmerz würde,
anstatt mein Leiden zu steigern, nur das Gegenteil bewirken. Vielleicht würden Schmerzensschreie, die man mir
entlockt, mir meine Seufzer ersparen, und die Qualen meines Körpers würden die meiner Seele verdrängen.
Was habe ich von ihnen noch zu befürchten, da alles gelaufen ist? Da es nichts mehr gibt, womit sie meine
Lage verschlimmern könnten, könnte mich auch nichts in Aufruhr versetzen. Die Zeiten, in denen sie mir Unruhe
und Schrecken einflössten, sind Vergangenheit; Erleichterung ist an ihre Stelle getreten. Reale Schicksalsschläge
können mir wenig antun; ich kann sie leicht ertragen, nicht jedoch die, welche ich befürchte. Meine aufgeschreckte
Vorstel- lung erfasst, wälzt sie, bläht sie auf und vergrössert sie. Die Erwartung ängstigt mich hundertmal
mehr als ihr Eintreten, und nichts ist schrecklicher als die vorgestellten Schläge. Sobald sie geschehen, nimmt das Ereignis ihnen
alles Imaginierte und reduziert sie auf ihr wirkliches Mass.